Der Reiz der Vorhölle

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„Für den Flanierenden geht folgende Verwandlung mit der Strasse vor sich: sie leitet ihn durch eine entschwundene Zeit.“ Walter Benjamin, Das Passagen-Werk

 

Der Berliner Stadtteil Hellersdorf ist jetzt nicht gerade ein Ort, wo man freiwillig hingeht: Plattenbauten, grosse Dichte an Hartz IV-Empfängern, hohe Arbeitslosigkeit, Neonazis. Ich habe Hellersdorf mal in einem Text die «Vorhölle der Stadt» genannt.

Aber abseits der Klischees gibt es einiges zu entdecken; die grüne Oase des Wuhletals etwa oder auch die Ahrensfelder Berge, ein paar Endmoränenhügel am äussersten Ostrand der Stadt. Dahinter liegen nur noch Felder und Wälder und Solarpanele – auf der anderen Seite das Meer der gleissenden Dächer bis zum Alex.

2012 habe ich mit dem Gehdicht «An der Wuhle» am Spaziergangswettbewerb von Mikromakrowelt teilgenommen und prompt einen Preis gewonnen. Wie sich herausstellte, bestand ein Teil der «Prämie» darin, dass ich diesen literarischen Spaziergang am Berliner Spaziergangswochenende vom 20. / 21. Juli durchführen bzw. führen durfte – wie die anderen Sieger der letzten Jahre auch. Gut, dann halt ein geführter Spaziergang durch Hellersdorf.

Das Problem war nur: Es war brütend heiss, die S-Bahn aus der Stadtmitte wieder einmal unterbrochen und kaum ein vernünftiger Berliner darauf erpicht, bei diesen Temperaturen durch die Vorhölle zu marschieren. Wir waren zu viert. Immerhin. Und am Ende (nach zweieinhalb Stunden) hiess es: «Einfach wunderbar. Da muss ein Schweizer kommen, um uns das zu zeigen.»

Und ja: Geschrieben haben wir auch. In der Tradition der Stadtflaneure à la Walter Benjamin oder auch Paul Nizon. Um die Sinne zu öffnen, hatte ich sogar ein Redeverbot verhängt (es war sowieso zu heiss zum Reden, und so hatte ich meine Ruhe …;-) Gehen – Innehalten – Schreiben, das ergibt einen harmonischen Dreiklang. Die niedergeschriebenen Impressionen brachten uns zum Schluss dann eine ganz kurzweilige spontane Abteillesung in der Berliner S-Bahn ein.

 

Und hier ein Ausschnitt aus dem flanierend Gesammelten:

an einem garagenbau hat wahrscheinlich eine eine in silbernen lettern das leben ist kurz die kunst ist lang quer über alle einfahrtstore gesprayt endlich liegt die städtische buntbrache vor uns ein meer von gräsern und kräutern mitten in der stadt schwappt an die ufer die ein paar hohle laubbäume markieren und eine küste aus wohnblöcken welche die kunst am bau auch nicht gerade einladender macht wir folgen hoffend einem fernwärmestrang von seinen drei rohren blättert dicke patina mehrerer sprayergenerationen vage lässt sich
die grundfarbe grün erkennen ein heisser wind weht uns entgegen trägt bilder von den trockenen steppen und ihren nomaden mit sich und der bestimmung des menschen als durch den sand wandelndes tier jeden moment könnte ein löwe seine mähne aus den gleissenden gräsern recken der ausschau hält nach dem nacken einer gazelle tätowierte unterarme führen hunde spazieren die halter schmunzeln über ihren ungehorsam

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