Schreibengehen als Gesundbrunnen?

Buch V& R

Gerade liegt das Buch «Praxisfelder des kreativen und therapeutischen Schreibens» aus dem V&R-Verlag druckfrisch und noch eingeschweisst auf meinem Schreibtisch. Darin befindet sich ein längerer Beitrag von mir, der die Forschungsergebnisse meiner Masterarbeit von 2011 an der ASH in Berlin zusammen fasst und erläutert.

Der Beitrag mit dem Titel «Sich gehend zu sich selbst schreiben – schreibend zu sich selbst gehen» widmet sich einem bestimmten Schreibertypus bzw. einer in der Forschung bisher etwas vernachlässigten Schreibstrategie; den gehenden Schreibern bzw. schreibenden Gehern – all jenen, die das Gehen als wichtigen Teil des Schreibprozesses genutzt haben. Um auf Ideen zu kommen, zum Stoff oder überhaupt, um die Sprache in Gang zu setzen, bzw. um Zwiesprache mit sich selbst zu führen.

Und weil die Kombination von gehen, denken und schreiben schon bei den alten Griechen eine bekannte Lern- und Selbstvergewisserungstechnik war (Peripatetik), habe ich auch die philosophischen, spirituellen und literarischen Traditionen bis dorthin verfolgt. Bis in die Neuzeit sind ganz viele der grossen Dichter und Denker gegangen, um zum grossen Gedankengang zu kommen: Montaigne, Rousseau, Kierkegaard, Schopenhauer, Nietzsche usw.

Meiner Meinung nach müsste überhaupt mehr gegangen werden: in der Therapie, in der Bildung, in der Forschung, in der Kunst usw. Die grauen Zellen brauchen nicht nur Frischluftzufuhr, sondern auch das Wechselspiel zwischen Innen und Aussen; Was uns im Aussen «anzupft» oder berührt, korrespondiert mit unserer inneren Befindlichkeit und umgekehrt. Wenn wir dem nachgehen, können wir weiterkommen.

«Wer geht, sieht im Durchschnitt anthropologisch und kosmisch mehr», das hatte schon der deutsche Dichter und Weitwanderer Johann Gottfried Seume erkannt. Ein langer Gang hat heilende Wirkung (Kierkegaard: «Ich laufe mir jeden Tag das tägliche Wohlbefinden an, und entlaufe so jeder Krankheit»), das Schreiben auch (Pennebaker hat das in seiner Forschung nachgewiesen) – und wenn man beides miteinander kombiniert, so steigert man den Nutzen beider Techniken. Für sich selbst und andere.

Wie genau das funktioniert (in vier Phasen), das steht in meinem Buchbeitrag, bzw. ausführlicher in meiner Masterarbeit, die in Berlin mit 1.0 bewertet wurde.

Das Buch kann direkt bei mir bezogen werden.

Für diejenigen, die es interessiert, hier das Modell dazu:

Die vier Phasen in der Therapie, im Schreiben und in der Peripatetik:

Phase Therapie Schreiben Peripatetik
Phase 1: Sammeln von Information im aussen und innen; aus der Umwelt, aus der Seele. Erinnern Inspiration Gehen
Phase 2: Gedankliches oder schriftliches Spiel mit dem Material; erweitern, verdichten, verwerfen. Wiederholen Inkubation Aufbruch(äusserer und innerer)
Phase 3: Eine Idee entsteht; Lösungsansätze zeigen sich, Erkenntnisse kommen einer Erleuchtung gleich. Durcharbeiten Illumination Erkenntnis / Wissen
Phase 4: Die gewonnenen Erkenntnisse werden überprüft, Einfälle mit der Realität abgeglichen, Geschriebenes aus- und umgearbeitet. Integrieren Verifikation Ankunft

 

Erklärung: Die Peripatetik folgt den gleichen Phasen wie das Schreiben und die Therapie. Da die Vertreter der Peripatetik dem Gehen einen mindestens gleich hohen Stellenwert beimessen wie dem Schreiben, kann davon ausgegangen werden, dass der gehende Teil der Peripatetik die beschriebenen therapeutischen Wirkungen des Schreibens verstärkt. Peripatetik wird damit zu einer biografischen Schreibtechnik, mit welcher sich die mit dem kreativen und biografischen Schreiben letztlich angestrebten Ziele der Selbstsuche, der Sinnfindung, der schreibenden Selbstsorge und der positiven Veränderung in idealer Weise verfolgen lassen.

 

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